Warum Classcraft? Ein offener Brief…

„Edles Volk der Zeitgemäßen,

lange hat es gebraucht, bis wir uns hier auf dem Schlachtfeld der Diskussion wieder einmal gegenüberstehen. Ausgedehnte und harte Schlachten fochten wir, dennoch dürstet der Bildungserde weiterhin nach dem Blut der im Kampf Gefallenen. Ein weiteres Mal also werden nun Schwerter des Wortes und scharfe Klingen der Argumente gekreuzt, um den einen wahrhaftigen „König der Didaktik“ zu krönen. Lasset uns im Kampfesschrei das Gemetzel beginnen, der Schlachtruf der Glorreichen möge durch alle Täler schallen und die Ehre des Siegers bis in alle Ewigkeit gesichert sein!“

Hört sich erstmal merkwürdig an? Vielleicht, dennoch liefert es einen spannenden Einstieg und eine hervorragende Überleitung zum Thema. Es geht (mal wieder) um Classcraft…

Einordnung in den Kontext

Im Bildungsbereich wird ja aktuell auf den unterschiedlichsten Ebenen diskutiert, kritisch hinterfragt und gegenübergestellt. Der konkrete Anlass für diesen Artikel ist die Diskussion über das Online-Rollenspiel „Classcraft“ (Was das ist: Classcraft: Einführung und Worte des Entwicklers) und die Frage, ob das Spiel nicht einfach nur eine behaviouristische Keule ist, die die Schüler in ein System von Badges, Punkten und Launen der Lehrkraft presst, oder es vielleicht sogar DER Game-Changer zu einer neuen Art des Unterrichts ist. Ich nehme vorweg: Weder noch…

Klassische Pro-/ Contra- Argumentation

„Classcraft hat meinen Unterricht radikal verändert“. „Durch Classcraft sind die Schüler viel motivierter und geben sich mehr Mühe.“ „Das ist schrecklich, das folgt einer Lerntheorie aus dem letzten Jahrhundert“. „Früher haben die Schüler nach Noten gegeiert, jetzt nach Punkten, wo ist das der Unterschied?“

So oder so ähnlich argumentiert darf man sich fast jede Diskussion dazu vorstellen. Und beide Seiten haben ihre Berechtigung. Im Prinzip geht es oft um das Gegenüberstellen von der gesteigerten Motivation (die übrigens von Steve Conway in diesem Artikel relativiert wird) und der Angst vor einem Rückfall in die Behaviourismus- Lerntheorie nach Skinner…

„Nike-Didaktik“ vs. Trial and Error

Es mag stimmen, dass der Grundsatz „Einfach machen“ (vgl. Axel Krommers Artikel dazu: Nike-Didaktik) im Bildungskontext irgendwann oder sogar relativ schnell an seine Legitimationsgrenzen stößt. Dennoch gehört in meinen Augen bei der Entwicklung von innovativem und wegen mir zeitgemäßem Unterricht immer auch ein wenig Trial and Error dazu (im konkreten und eigenen Fall: Classcraft neu entdeckt). Allerdings wehre ich mich auch inzwischen dagegen, auszuprobieren ohne davor oder danach kritisch zu hinterfragen, ob das jetzt einen Nutzen hat(te) oder bloße Spielerei war…

Warum also Classcraft? Eine Selbstanalyse…

Confession first: Ich verwende Classcraft in meinem Unterricht und für mich (und vor allem meine Klassen) funktioniert es inzwischen. Es war ein Weg bis dahin, aber aktuell funktioniert bei uns (zur Einordnung: ich unterrichte an einem beruflichen Gymnasium Schüler zwischen 16 und 20 Jahren). Warum nun aber?

Eines der größten Hindernisse auf dem Weg war die Erkenntnis, dass es auch bei Classcraft einen ordentlichen Batzen an Einarbeitung und Feintuning braucht, um das Spiel für sich selbst zum Gewinn zu machen. Ein einfaches Übernehmen der Standardeinstellungen macht aber für mich überhaupt keinen Sinn, weil es dann genau das ist, was immer kritisiert wird: Ein Punkte-Badge-Belohnungs-/ Bestrafungssystem.

Es ist ein Classroom-Management-Tool und ich kann es meinen Vorlieben, Bedürfnissen und Klassen anpassen (was man aber auch wirklich tun sollte und da ist ein Großteil der Arbeit verborgen). Im meinem konkreten Fall bedeutet dies, dass ich zu Beginn des Schuljahres (und auch währenddessen) mit meinen Klassen alle Regeln, Möglichkeiten und Eventualitäten des Spiels bespreche (im Rahmen meiner Kenntnis) und auch alles gemeinsam mit den Klassen definiere. Das hat für mich folgende Vorteile:

  • ich schaffe ein Vertrauensverhältnis und zeige meinen Schülern, dass ich sie ernst nehme
  • die jeweiligen Klassen erhalten einen großen Anteil an Mitbestimmung, was in meinen Augen in einer demokratischen Gesellschaft unerläßlich ist (und nebenbei mit dem immer noch weit verbreiteten Vorurteil abrechnet, dass „der Lehrer immer Recht hat“)
  • ich „entführe“ meine Schüler in eine Welt, die sie stellenweise bis größtenteils schon aus anderen Spielen kennen (siehe einführende Sätze)
  • Gleichzeitig fahre ich aber auch diese ganzen Geschichten wie „hat seine Hausaufgaben gemacht und bekommt deshalb XP“ oder „hat seine Arbeit einen Tag später abgegeben und stirbt deshalb“ bis auf ein Minimum runter, weil ich mit den Schülern in einer konzentrierten und angenehmen Atmosphäre arbeiten und nicht die ganze Zeit am Knöpfchendrücken sein will. Eine Funktion des Spiels, die ich gerne nutze, sind die Quests, also Aufgaben, die die Schüler über die Plattform abgeben und die in eine bestimmte Rahmenhandlung („Volk der Zeitgemäßen“, „Edle letzte Menschen“, etc.) eingebettet sind.
  • Was noch zu beachten ist:

    • Classcraft ist kein Allheilmittel und funktioniert in manchen Klassen auch gar nicht. Es kommt nach meiner Erfahrung darauf an, ob es eine Passung zwischen Interesse der Lehrkraft und der Schüler gibt.
      Die Motivation kann damit kurzfristig gesteigert werden, langfristig ist es ein Unterrichtsbegleiter.
      Es ist ein Unterrichtsbegleiter, den ich sehr gerne nutze. Meinen kompletten Unterricht darauf auszurichten oder gar „ohne das Spiel nicht mehr unterrichten zu können“ halte ich für falsch und widerstrebt auch meinen unterrichtlichen Prinzipien.
      Es kommt ganz stark auf das Setting und den jeweiligen Kontext an. Manchen Schülern gibt das Spiel Struktur und Motivation, andere fühlen sich durch die Fantasy-Charaktere unwohl.
      Classcraft bringt dann etwas, wenn man hinter die ganze Belohnungs-/ Bestrafungs- Nummer blickt und es als Chance auf ein verändertes Klassenklima begreift.

    Mein bislang schönster Moment

    Zu Beginn der Stunde gibt es bei uns immer ein im Spiel festgelegtes Zufallsereignis. Das kann positiv oder negativ für die Schüler sein, z.B. bekommt ein zufällig ausgewählter Schüler einen Bonus oder aber muss eine „schwierige“ Frage beantworten. Es kann aber auch den Lehrer treffen, so wie in meinem Fall:

    Ich stehe also vorne und darf (weil es zu dem Zeitpunkt aktuell war und ich Spanisch unterrichte) „Despacito“ vorsingen. Ich singe nicht wirklich gut, bin total nervös und blicke in erwartungsfrohe Gesichter. Es geht irgendwie vorbei. Dieser Moment macht was mit uns als Unterrichtsgemeinschaft. Die offensichtliche Überwindung, die mich das kostet, scheint mich für die Schüler noch menschlicher zu machen. Seitdem (ungelogen) ist das Unterrichtsklima auf einem anderen Level.

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