2 Jahre Tabletklassen – eine Beichte

Seit etwas mehr als zwei Jahren (Beginn Schuljahr 2015/ 2016) darf/muss ich nun Tabletklassen in einer 1:1 Umgebung unterrichten und habe während dieser Zeit eine persönliche Dokumentation darüber geschrieben, wie sich mein Denken, mein Unterricht und die Begleitsituationen in dieser Zeit geändert haben. Es ist eine Beichte, ob es ein Armutszeugnis ist, entscheidet der Leser, viel Spaß.

1. Grundsatzentscheidung: Welches Tablet nehmen wir?

Zur Wahl standen: Samsung, Microsoft und Apple, zu dem die Mehrheit der Kollegen tendierte. Ich wollte aus Kostengründen lieber ein Samsung Tablet, Microsoft erschien mir (auch wegen der integrierten Tastatur) zu „computermäßig“. Letztendlich wurde es das IPad. Obwohl ich zu Beginn sehr unglücklich mit der Mehrheitsentscheidung Apple IPad Air 2 war, erwies sie sich im Nachhinein als goldrichtig. Einfache Handhabung auch für Nicht-Tekkies, Liefertermine eingehalten und vor allem ist da ein angebissener Apfel drauf 🙂

2. Auftaktworkshop/ Kennenlernen des Tablets

Eine kleine Gruppe an Kollegen („der harte Kern“) durfte vor dem Start des neuen Schuljahres an der Auftaktveranstaltung des Projekts teilnehmen. Programmpunkte hier waren unter anderem Erfahrungsberichte von anderen Schulen und diverse Workshops zu fächerspezifischen Einsatzmöglichkeiten des Tablets. Bereits hier lernten wir starke Apps wie PDF Expert, Explain Everything oder Keynote kennen. Außerdem durften wir mit einigen Ideen nach Hause gehen.

3. Erste Unterrichtserlebnisse

Die ersten eigenen Unterrichtserlebnisse oder „digitalen Gehversuche“ verliefen doch sehr stockend, da ich doch sehr gutgläubig und blauäugig an die ganze Geschichte rangegangen bin. Heißt übersetzt: Ich habe das Tablet eingesetzt und auf ein „digitales Wunder“ gehofft. Mein Unterricht hat sich dadurch natürlich weder großartig verändert noch verbessert, die Schüler hatten lediglich zu meinen ganzen Arbeitsblättern a) die digitale Version davon und b) schnellere Lösungen dank Internetzugriff und Google-Übersetzer. So bin ich nach einigen Versuchen und Monaten fast wieder zum normalen und tabletlosen Unterricht zurückgekehrt. Zum Glück kamen da zwei Schlüssel-Erlebnisse (bzw. Fortbildungen) dazwischen

4. Schlüsselerlebnisse/Schlüsselfortbildungen

Die Schlüsselerlebnisse, die mich quasi in die Hände der digitalen Bildung (oder zeitgemäß oder wie auch immer man sie nennen will) trieben, waren in meinem Fall zwei Fortbildungen, deren Wert und Genialität ich jedoch auch erst später erkannt habe. Zum einen war das eine Fortbildung zum MIFD (Modell der individuellen Förderung mit digitalen Medien) von Jan Hambsch und Tobias Rodemerk und einer Fortbildung zu interaktiven Videos von Allan Carrington (mit leider sehr wenig Teilnehmern und konfusem Plan, aber tollen Inhalten und Ideen). Beide dieser Fortbildungen waren gegen Ende des Schuljahres, sodass zwar für das Schuljahr keine Änderungen mehr möglich waren, aber viele Anregungen und Ideen für die Tätigkeit in den Sommerferien gewonnen wurden.

5. Fazit erstes Jahr

Insgesamt kann man sagen, dass das erste Jahr sehr viel Ausprobieren, Erfahren, Falschmachen, Vorranpreschen und wieder Zurückschreiten war. Dennoch ging ich mit großem Engagement (dank der einschneidenden Fortbildungen) und einigen Ideen in die Sommerferien:

  1. Classroom Management über Classcraft
  2. Moodle Kurse mit Material und Aufgaben
  3. Kalender mit Klassen
  4. Phasen mit Buch und Phasen mit Projekten
  5. Tafelbilder mit Goodnotes/Noteshelf erstellen
  6. In jeder Stunde eine klassische Aufwärmphase (Spanisch)
  7. Ipad zu Beginn aus, dann jederzeit nutzbar
  8. Viel mehr Präsentationen, Videos, Audios
  9. Projektnote 20%, dafür keine Tests (Spanisch)
  10. Projekte: Aurasma, Touchcast, Explain Everything, Paper 53
  11. Eine Klausur, eine theoretische Präsentation (Sport)

 

6. Arbeit in den Ferien 2016: Gefühlt gute Vorbereitung

In den Sommerferien begann ich, beseelt durch die guten Vorsätze und erleuchtenden Fortbildungen kurz vor der Sommerpause, ein fast tägliches Ritual: Tagsüber Ablenkung von allem Digitalen, sei es durch Zeit mit der Familie, Terrassenumbau, Sport oder sonstige Unternehmungen. Abends saß ich dann fast jeden Tag an meinen Unterlagen, digitalisierte und strukturierte alle meine Dokumente, Arbeitsblätter, Unterrichtsverläufe und speicherte sie sowohl lokal auf PC und Tablet (PDF Expert) und gleichzeitig in einer Online-Cloud (Google Drive, was mir insbesondere im Hinblick auf die Datensouveränität und meine eigene Medienkompetenz sehr half). Außerdem richtete ich mir auf Moodle Kurse für meine Klassen ein und begann, diese mit Material zu füllen. Weiterhin arbeitete ich mich in diverse Apps (Good Notes, Aurasma, Paper 53) und Konzepte (Flipped Classroom, Immersive Learning) ein und begann, ein eigenes Konzept zu erstellen (welches ich zu dem Zeitpunkt als sehr gelungen und fast perfekt empfand, was sich jedoch bald ändern sollte). So ging ich frohen Herzens und gefühlt gut vorbereitet in das kommende Schuljahr.

7. September bis November 2016: Verheißungsvoller und trügerischer Start

Der Start ins neue Schuljahr übertraf zunächst meine Erwartungen und wog mich in trügerischer Sicherheit. Ich konnte meine Ziele gut umsetzen, die Schüler nahmen meine „neue Art“ von Unterricht (viel digital, Projekte anstatt Vokabeltests, Moodle-Datenablage) gut auf und ich war vielen Kollegen in meinen Augen im Bereich digitaler Bildung voraus. Auch ein durchgeführtes Feedback zeigte mir, dass ich zumindest auf einem guten Weg (in den Augen der SuS) war. Ich schaffte es zudem, das #MIFD erfolgreich vorzustellen und zu promoten, sodass es in unser pädagogisches Konzept aufgenommen wurde. Kurz: Ich wähnte mich in dieser Zeit schon am Ziel angekommen und bereit für ein neues (glorreiches) digitales Zeitalter meines Unterrichts. Eine Einschätzung, die ich in den kommenden Monaten schmerzlich revidieren würde müssen und aufgrund derer ich bald eine relativ anstrengende und dunkle Zeit mit entsetzlich vielen Fragen und Zweifeln durchleben musste.

8. Dezember 2016 bis Januar 2017: Schmerzliche und dunkle Zeit

Nach dem verheißungsvollen Start folgte die (im Nachhinein) abzusehende Bruchlandung, die von mehreren Faktoren begünstigt wurde:

  • Verlust der Struktur: Zu Beginn des Jahres gelang es mir noch halbwegs gut, Phasen mit und ohne Tablet zu trennen und zu unterscheiden. Mit zunehmender Dauer verlor ich diese Trennung immer mehr, meine SuS waren fast ausschließlich mit ihren Geräten beschäftigt und ich fühlte mich damit auch noch im Recht. Ein geregelter Unterricht, bei dem sie was lernen konnten, war das nicht mehr, viel zu stark verlor ich mich im Digitalen und trieb als Lehrperson nur noch so dahin.
  • Kein Pädagoge mehr: Aufgrund des Verlustes der Struktur war ich auch nicht mehr in der Lage, tatsächlich als Pädagoge aufzutreten, sondern lediglich als „technischer Türöffner“ für die Kids tätig. Zum einen, weil ich zu diesem Zeitpunkt (noch) nicht die Kraft und den Mut hatte, mir im Bezug darauf einen Fehler einzugestehen, zum anderen weil es auch mir gefiel, viel mit dem Gerät in der Hand zu arbeiten und meine alten Arbeitsblätter mehr als uncool fand.
  • Andersdenkendes Kollegium: Es stellte sich in dieser Zeit auch heraus, dass nicht alle meine Kollegen meine neu gewonnene Begeisterung für #DigitaleBildung teilten und ich auf diesem Feld zunehmen alleine dastand. Anfangs fühlte ich mich hier noch gut, weil ich ja dachte, ihnen weit voraus zu sein und sie nicht für meine Entfaltung brauchen würde. Auch fühlte es sich gut an, trotz meinen jungen Jahren und der geringen Berufserfahrung etwas zu haben, in dem ich den anderen voraus und enteilt war. Im Laufe der Zeit nagte es doch mehr und mehr an mir, ein Einzelkämpfer zu sein und keine bzw. wenige Mitstreiter (noch dazu in meinen Fächern) zu haben, die diese neue Form des Unterrichts genauso begeistert annahmen wie ich und mit denen ich mich regelmäßig und produktiv austauschen konnte. So wurde ich immer stärker ein verbitterter Nerd, der alle begann zu verdammen, die nicht mitzogen und die diese Chance nicht wahrnahmen.

Diese Punkte lassen sich als die Eckpfeiler meiner Krise darlegen, aus der ich jedoch glücklicherweise einen Ausweg finden sollte.

9. Januar bis Februar 2017: Auswege und Rettung

Wie bereits im Schuljahr zuvor hatte ich mich also verrannt in etwas und war ein gutes Stück verloren gegangen. Wie im Jahr zuvor waren es Schlüsselerlebnisse bzw. Schlüsselbegegnungen, die mich aus meinem Loch herausholten:

  • @Twitter: Ich fand bis dahin den Nachrichtendienst Twitter immer irgendwie doof und unnütz. Auf der Suche nach Antworten meldete ich mich dennoch probeweise an und wurde sehr positiv überrascht. Nachdem ich einigen vielen Leuten gefolgt war, erkannte ich zweierlei und lernte es schätzen: Ich bekam durch die Meldungen der Menschen unendlich viele Tipps, Einsichten und Erkenntnisse im Bereich #DigitaleBildung und #mobileslernen und konnte so mein Verständnis davon schärfen und kanalisieren. Außerdem erhielt ich durch den regen Austausch mit den Menschen dort positive Rückmeldungen, Bestärkung und Verständnis, was sich letztendlich in einem gewissen Zugehörigkeitsgefühl ausdrückte (insbesondere zum #edchatde)
  • @LEARNTEC: Ende Januar durfte ich nach Karlsruhe zur dortigen Learntec-Messe, DER Messe für digitale Bildung in Deutschland. Auf dem Weg dahin lernte ich per Zufall Sebastian Schmidt (@flippedmathe) persönlich kennen. Eine Begegnung, bei der er mir zeigte und darlegen konnte, wie man mit handwerklich gut gemachten Inhalten #DigitaleBildung leben konnte ohne gleich das ganz große Feuerwerk abzubrennen. Eine wahrlich beruhigende Erleuchtung, die mich mein Handeln unter einem ganz anderen Licht sehen lies.
  • @IC Gauting: Auf dem Kongress „Inspire.Create“ im bayrischen Gauting Anfang Februar durfte ich viele Gleichgesinnte kennenlernen und nochmals Vorträge und Workshops von den Spitzenleuten besuchen. Aus diesem Kongress nahm ich zweierlei Dinge mit, die mein unterrichtliches Werken stark beeinflussen würden:
    • 1) Die Spitze im Bereich #DigitaleBildung kocht auch nur mit Wasser und ich persönlich bin dabei, zu beginnen, mich an die Spitze heran zu tasten (mir fehlt jedoch die Konstanz).
    • 2) Um wirklich guten digitalen Unterricht mit einem besonderen Wert machen zu können, braucht es eine komplette Veränderung im Unterrichtssetting (nicht nur Hinzunahme).

10. Februar bis Mai 2017:

Durch dieses Schlüsselerlebnis motiviert, begann ich (mal wieder) mich und meinen Unterricht komplett zu reflektieren und zu hinterfragen. Große spontane Veränderungen habe ich dadurch nicht erreicht, aber eine Veränderung in meinem Denken von Unterricht und Zusammenarbeit. Gerade im letzten Punkt sah (und sehe ich auch noch weiterhin) wahnsinnig viel Entwicklungspotential bei mir und auch an meiner Schule. Immer mehr wurde mir in dieser Zeit auch wieder klar, dass, egal wie raffiniert ich meine Stunden gestalte, egal wie toll danach die Ergebnisse und das Verständnis der Schüler von der Welt im digitalen Wandel ist (und da darf ich wirklich sagen, dass wir hier inzwischen sehr fitte Schüler haben), ich als Einzelkämpfer wenig bis gar nichts erreichen kann, wenn ich kein kompetentes und vor allem williges Team habe.

 

DAS Erlebnis – Die #tabletdays 2017

Das absolute Highlight meines Schuljahres waren die Erfahrungen, die ich auf den Tabletdays im schweizerischen Rorschach machen durfte. Referenten und Speaker aus ganz Europa waren angereist, um den Event zu bereichern. Als Teilnehmer eine unglaubliche Erfahrung, die wiederum dieses Mail nicht zu einer kompletten Umwälzung meiner Gedanken geführt hat, aber zu einer gewaltigen Erweiterung meiner Sichtweise beigetragen hat. Zum ersten Mal habe ich wirklich begriffen, was „Pädagogik vor Technik“ wirklich heißt, dass es nicht nur darauf ankommt, digitale Lernstrategien zu entwickeln und umzusetzen (wenngleich diese nach wie vor einen erheblichen Bestandteil meiner täglichen Arbeit ausmachen), sondern dass es vielmehr (zumindest in meinen Augen) auf die Diversität der Methoden und Mittel ankommt, ein Kredo, das sich für mich inzwischen mehr als bewährt hat.

9 Kommentare

  1. Super! Genau so läuft das: Fortschritte, Rückschläge, Einsichten. Aber der Schluss ist DIE Motivation schlechthin – richtiger Weg gefunden, es ist harte Arbeit und es gibt keine Patentlösung. Die innere Einstellung zählt. Man muss bereit sein, sich und seine Arbeit vorwärts bringen zu wollen. Toller Artikel!

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